Paradies Kefalonia

Kefalonia. Die wärmende Sonne will in diesem Frühsommer noch nicht so recht aus ihrem Versteck heraus kommen. Vielleicht kommen die Touristen deshalb nur sehr zögerlich in diesem Jahr. Ende Mai ist es hier noch ziemlich gediegen, und man kann sich ausmalen, wie einsam die Winter hier sind, wenn in den malerischen Bergdörfern nur noch eine Handvoll Menschen hier sind, um Regen und Wind zu trotzen. Dem Regen hat es die Insel auch zu verdanken, dass sie ertragreiche Olivenfelder, Weinberge und erfrischende Wälder beherbergt – und im Frühsommer so duftend bunt ist wie es nur der betörendste Strauß Blumen sein kann. 


Ohne Auto ist es umweltfreundlicher…

Kefalonia ohne Auto ist eine Herausforderung der anderen Art, mit dem Mountainbike die Berge zu bezwingen nicht die leichteste Übung. Seit einer Weile gibt es hier auch ein gut ausgebautes, nach griechischen Regeln funktionierendes Bussystem. Mit einer Busfahrt von der Hauptstadt Argostoli ans andere Ende der Insel in das pittoreske Assos ist das nach Schätzen suchende Auge für lange Zeit bedient: es geht durch die Berge, vorbei an den schönsten Stränden, durch eine griechisch-orthodoxe Gesellschaft, die es nicht eilig hat und an Wunder glaubt. Wohl versteht sich diese Gesellschaft auf eine Sache: den bestmöglichen Nutzen aus dem Tourismus zu ziehen, ohne das Geschäft zu überziehen. Das kommt insbesondere der Natur zu Gute: im kristallklaren Wasser leben Schildkröten, Robben, Delfine, in den Bergen Wildpferde, die Flora und Fauna des alles überblickenden, märchenhaften Berg Ainos ist eine der artenreichsten in Europa. 

… und ohne Mythos geht es nicht

Kefalonia ist vermutlich, das geben wissenschaftliche Untersuchungen her, das Zuhause von Odysseus. Von der Hafenstadt Agia Efimia zur odyseusschen Insel Ithaca ist es nur ein Katzensprung, einst waren beide Inseln eine einzige. Odysseus hat seine besten Jahre damit verbracht, nach Ithaca, in seine Heimat, zurück zu kehren. Nimmt man die Odyssee als eine Reise ins innere Zuhause, so muss es einen dämmern: wir drehen uns konzentrisch ums eigentliche Ziel, das eigentliche Ich in seiner selbst gewordenen Form. Dabei sind wir doch schon längst zu Hause angekommen, im Paradies. Am Ende, Odyseus hat es auch nach Hause geschafft.

Das ist das Leben

Und so sagt es auch Richard, wenn er nach dem Leben als Langzeit- und Dauerbesucher in Kefalonia gefragt wird. “Du fragst, wo das Leben ist? Es ist jetzt, hier, in diesem Augenblick, genau hier. Du und ich auf dem Campingplatz mit Raki und Tabak und diesem Gespräch.” Es stimmt. Die von Lachfalten übersäte und braun gebrannte Liz im Supermarkt erzählt von ihren 30ern. Sie ist lange in Südostasien gewesen, in Thailand, Vietnam, Malaysia. “Aber jedes Mal, wenn ich an einem Strand war, habe ich die Strände von zu Hause, von Kefalonia, vermisst. Schau sie dir doch an, türkisblau auf weiss. Das ist das Paradies.” 


Es wird hier nicht so oft ausgesprochen, als sei es eine Selbstverständlichkeit und ein wohl gehüteter Schatz gleichermaßen. Es ist meistens eher ein flüchtiges, magisches, wissendes und leicht melancholisches Lächeln, das man sich hier über die Schönheit der Welt austauscht. Vielleicht ist es aus diesen Gründen melancholisch: der Puls der Zeit macht auch vor Kefalonia nicht halt, mit der Sonne kommen auch die Massen; Maria arbeitet für ihren Lebensunterhalt ohne Unterlass – im Sommer nahezu 24/7 in Argostoli, im Winter, wie die meisten anderen hier, in Athen. “Nur einen Tag frei haben, das wäre schön.” Noch aber ist alles idyllisch. Es ist nicht zu heiss, um zu wandern, zu biken, einsame Traummomente am Strand, die einheimischen Fischer sind für Gespräche und Witze zu haben.  Mit dem selben wissenden Lächeln darüber, dass man hier endlich im Paradies angekommen ist, fließt abends zum Sonnenuntergang der Wein und der Raki und das Nachtleben lässt schrägen und ambitionierten Karaokesound verlauten. Auch auf dem Campingplatz mit dem schönsten Sonnenuntergang der Welt hat sich eine kleine Feierrunde aus jung und alt, unbekannt und vertraut, zusammengefunden. Die Zeit ist auch hier nicht stehen geblieben, aber sie ist von freundlicher Natur.

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