GQOM!

Jede Stadt hat ihren eigenen Klang – ein unverkennbarer Soundtrack, der die Stadt zum Charakter macht. Durban, das ist Rauschen des indischen Ozeans und geschäftiges Treiben in Straßen und an Markständen. Das Hauptmotiv aber strömt aus den Minibus-Taxis: eine Fahrt durch die Stadt ist die Chance, uns vom pulsierenden Beat der Stadt mitreissen zu lassen. Über Qgom, Durban und Minibus-Taxis.

Babes Wodumo ist eine der Gqom-Größen des Landes.

Rough, energetisch, einzigartig


Schnelle Housemusik mit afrikanischen Klanglandschaften, aber off-beat und mit diesem ganz speziellen Rhythmus: das ist Gqom. Gqom ist energetisch, rough, nach vorn gerichtet. Gqom begleitet das Leben in den Townships – und hat in jedem Fall das Potential für dunkle Kellergewölbe und off-Locations in Europa. Der Sound erinnert stark an Grime und ist oft gemixt mit HipHop. Eine bekannte Gqom-Künstlerin ist Babes Wodumo. Frauenpower in Gqom ist zwar noch unterrepräsentiert, aber ohne sie wäre Gqom nur halb so cool.

Kwaito mit harter Bassline

Gqom benötigte in seiner Entwicklung zwei Schritte. Der erste Schritt: Man nehme House und reichere das mit afrikanischen Sounds an. Das Ergebnis nennt sich Kwaito und ist in den 1990er Jahren in Johannesburg entstanden. Manche würden dazu vielleicht Afrohouse sagen. Der zweite Schritt passiert dann 20 Jahre später: Der Legende nach soll ein Unbekannter mit Laptop und Software herum gespielt haben, einfach nur um irgend etwas Tanzbares zu kreieren. Das Rezept: Kwaito mit einer harten Bassline – und mit einem schnellen, rhythmischen Beat, den so kein anderes musikalisches Genre generiert. Geboren ist Gqom. Das ist Zulu und bedeutet sehr bezeichnend einfach nur Trommel. Ausgesprochen wird Gqom entweder mit dem berühmten Zulu-Schnalzlaut “schnalz-g-umm” oder einfach nur “gumm”.

Entstehung in Durbans Townships

Gqom kommt aus Durbans Townships. Eine Welt, in der die Beats durch eine Wand aus Hitze und Luftfeuchtigkeit jagen, in der die Tiefen der Armut noch lange nicht abgeschüttelt werden konnten. Durban wurde im Zuge der WM 2010 nur vordergründig glatt gebügelt. Aber anstelle einer von oben verordneten Säuberung ist es die Digitalisierung und mit ihr die elektronische Musik, die Durban zum Schauplatz einer Szene macht. Diese Szene ist organisch, aus sich heraus, entstanden. DJ Lag als einer der berühmtesten Vertreter von Gqom hat die Sets dann nach London, New York und Seoul gebracht, heute kollaboriert er mit Beyoncé.

GQOM EXPLOSION


Auch die drei Jungs, die hinter dem Kollektiv Gqom Explosion stehen, sind in Durban heimisch: Gold Musiq, Bongani Khuzwajo und Brill X. Gemeinsam haben sie es sich zum Ziel gesetzt, Gqom aus Südafrika in die Welt zu tragen: “We have many more talented acts yet to come up the surface – the Gqom gospel must continue”. Was Gqom nun am meisten braucht, sagen sie, sei eine gute Vernetzung unter den Künstlern und die Verbreitung von Wissen – insbesondere was Produktion und Businessfragen angeht.

Das neueste Set von Gold Musiq.

Mobilität und Musik

Minibus-Taxis spielen in der südafrikanischen Mobilität eine elementare Rolle. Mit kaum ausgebautem öffentlichen Nahverkehr sind es die oft bunt bemalten 10-Sitzer, die die Menschen zur Arbeit, zu Familie und Freunden, zum Einkaufen bringen. Spezieller Vibe garantiert: für etwa 10 Rand geht es manchmal nebeneinander gequetscht, selten mit etwas mehr Platz und ohne Sicherheitsgurte ziemlich rasant und gut gelaunt durch die Stadt. Und natürlich läuft immer Musik in den Taxis, oft auch ziemlich laut. In den 1930er Jahren bereits gab es die ersten Minibus-Taxis. Der schwarzen Bevölkerung war es damals untersagt, in städtischen Regionen dauerhaft zu leben. So waren die inoffiziellen Minibus-Taxis die eine Möglichkeit, zur Arbeit in die Stadt und wieder nach Hause zu fahren. Während der Apartheid waren die Minibus-Taxis eine der wenigen Möglichkeiten, ein eigenes Business aufzubauen. Erst 1987 wurden die Taxibusse legalisiert – die Minibus-Industrie in Südafrika war geboren. Heute befördern sie rund 60 Prozent der Menschen, besonders in städtischen, aber auch in ländlichen Gegenden. Die Minibus-Taxis sind Teil der südafrikanischen Lebensrealität. Speziell im heutigen Durban hat sich eine interessante Synergie zwischen den Minibus-Taxis und Gqom gebildet: Die Konkurrenz unte den verschiedenen Anbietern ist groß, und so versuchen die Minibus-Taxis, die Passagiere mit dem besten Sound zu sich locken. Und der beste Sound ist natürlich Gqom. Das ist es, was die jungen Leute hier hören. Qgom holt die Passagiere in die Taxis. Auf der anderen Seite bieten die Taxis so eine Plattform für die Qgom-Künstler, ihre Musik an die Menschen zu bringen. Die überaus authentische Gqom-Doku Wosa Taxi wirft einen Blick auf diese wohl einzigartige Verbindung. Und die Doku macht auch deutlich, warum Gqom nicht nur eine starke Musik ist, sondern auch überaus liebenswert: Gqoms Schauplätze sind keine fancy Studios, sondern kleine Hütten in den Townships, Zusammengestückeltem Equipment, rumhängen, Musik machen. Hier geht es ganz detailverliebt um das, was zählt: Kick, Drum, Beat. Lyrics. Tanz, Energie, Freundschaft. Künstlerischer Ausdruck. Und von diesen kleinen Schauplätzen tragen die Taxis die Vision in die Welt.

Die Doku Woza Taxi gibt uns Einblicke in Durbans Gqom-Szene.

Photo Credits Titel: Frank Kahts

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